§ 6

Legende und Fälschung Ganz ähnlich der Legende vom Ritter Kahlbutz, dessen mumifizierte Leiche im zu Neustadt (Dosse) bei Kyritz gehörenden Stadtteil Kampehl im Gruftanbau der kleinen Kirche liegt, so hat auch Wittichen bei Wolfach im Kinzigtal als fest in den dörfischen Haushaltsetat eingeplante, finanziell rentable Attraktion seinen guterhaltenen, unverwesten Ritter oder Mönch, genau weiß man das nicht. Im Gegensatz zum Witticher Ritter (oder Mönch), über dessen ritterlichen (oder mönchischen) Werdegang kaum etwas bekannt ist, weiß man über den Kampehler Ritter einiges mehr.

Christian Friedrich von Kahlbutz, der 1651 geboren wurde und 1702 52jährig verstarb, war ein arger Tunichtgut.Obschon verheiratet, machte er regen Gebrauch vom Recht der ersten Nacht, welches ihm als Herr über seine Ländereien zustand und ihm den ersten Verkehr mit einer Frischvermählten sicherte und welches, außer für eben diesen Herren, für alle Beteiligten ein unangenehmes war. Man spricht gar von dreißig außerehelichen Kindern, die der von Kahlbutz neben seinen elf ehelichen hatte. Anno 1690 jedoch verweigerte ihm der Schäfer Pickert aus Bückwitz seine Braut in der Hochzeitsnacht, worauf der von Kahlbutz den Schäfer Pickert auf einer kahlbutzenen Weide erschlug, die der Schäfer Pickert bislang mit stiller Duldung des Junkers beweidet hatte. Und obschon allen klar war, daß der von Kahlbutz den Schäfer erschlagen hatte, brauchte der von Kahlbutz als Feudalherr nur mittels eines sogenannten Reinigungseides zu schwören, daß er’s nicht getan hatte, und schon war der Schuldspruch aufgehoben. Als er später offenbar an einer Krankheit verstarb, wurde er beerdigt und einige Jahre danach, namentlich 1794, versehentlich wieder ausgebuddelt. Erstaunt stellte man fest, daß seine Leiche trotz offenbarer Nichteinbalsamierung mumifiziert und relativ gut erhalten war. Die Legende, die sich nun um den von Kahlbutz bildete, dichtete ihm an, er habe seinem Unschuldsschwur den Zusatz angefügt, so er gelogen habe, solle sein Körper nie verwesen. Für die kleinen, sehr gläubigen Bauern war dies ein Beweis für die Schuld des von Kahlbutz und für die jenseitige Gerechtigkeit, die den Ritter nicht verwesen ließ.

Von der guterhaltenen und sowohl für die Kloster- als auch für die Dorfkassen äußerst rentablen Attraktion, dem Witticher Ritter (oder Mönch), ist, wie gesagt, deutlich weniger bekannt. Doch dafür habe ich ihn, im Gegensatz zu Ritter Kahlbutz, vor einigen Monaten mit eigenen Augen gesehen. Tatsächlich war er ebenfalls so gut wie gar nicht verwest, wie er so hinter Plexiglas auf seinem ungefähr zweihundertfünfzig Jahre alten hölzernen Thron im großen Klostersaal saß, von elf Uhr morgens bis achtzehn Uhr abends während der Sommersemesterferien, und von vierzehn bis siebzehn Uhr nachmittags während der Wintersemesterferien. Auf diesen hölzernen Thron kehrte er, 1974 geboren und sich neben seiner Haupttätigkeit als Germanistikstudent in Freiburg ab und an im Witticher Kloster ein Zubrot verdienend und damit von der Attraktion finanziell ebenso profitierend wie das Kloster und die Gemeinde, nach seinem Toilettengang, den er gerade getätigt hatte, als ich den großen Klostersaal betrat, flugs zurück.

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Published in: on August 15, 2007 at 7:54 pm  Schreibe einen Kommentar  

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