§ 8

Vom Eigentlichen In der Kleinstadt direkt neben meinem Heimatdorf gibt es, wie wohl in jeder Kleinstadt, einen Mann, der vor ungefähr dreißig Jahren, kurz nach seinem Einskommadrei-Abitur, aufgehört hatte, der Welt eine herkömmliche Wahrnehmung zukommen zu lassen, und der von sogenanntem herkömmlichen Verhalten abgefallen ist. Keule wird er seit jeher genannt, und er ist ein altbekanntes Gesicht, man hat ihn im Stadtbild und vor allem in den wenigen Kneipen, die es in der Nachbarstadt meines Heimatdorfes gibt, akzeptiert, er gehört dazu, man sieht ihn manchmal sogar gern und lädt ihn auf einen Wein, den er sich sonst erbetteln würde, zu sich an den Tisch ein, weil seine wirren Sätze und Theorien hin und wieder von großem Witz oder von großer Poesie sind. Als ich damals noch dort wohnte, kannte man sich, ich grüßte Keule, wenn ich ihn auf der Straße oder in einer der wenigen Kneipen traf, einmal nahm ich ihn auch beim Autostop mit. Manchmal verkaufte Keule uns eines seiner seltsamen Gedichte gegen ein Glas Rotwein. Angst hatte niemand vor ihm, dem mittelschwer wirr aber stets harm- und vor allem sinnlos Wirkenden, auch dann nicht, wenn er Passanten nächtens auf der Straße anbrüllte und sich anschließend erklärte: „Was denn? Ich übe nur den Urschrei.“ Keule, der nur scheinbar von einer mysteriösen Aura umgeben war und der sich in seiner Wirrnis intellektuell gab, galt als sinnfreie, skurrile Belustigung, so wie es dergestalte Erscheinungen in Kleinstädten nunmal tun. Nur einmal kam mir der Verdacht, Keule habe das eigentliche Wesen der Dinge vielleicht doch besser durchschaut als wir anderen und sei mit sich und der Welt vielleicht doch mehr im Reinen, als man annehmen mochte. Denn eines Abends fragte ihn, der gerade an einem Billardtisch Kniebeugen gemacht hatte und sich eben wieder aufrichten wollte, ein Freund von mir, was er, Keule, denn da mache, und Keule antwortete, sich die Jacke glattstreifend, mit überzeugender und weiser Klarheit: „Ich weiß nicht, aber ich bin fertig damit.“

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Published in: on August 28, 2007 at 9:27 am  Schreibe einen Kommentar  

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